Das spielende Kind
Beschreibung
Es ist beeindruckend, wie viel sich der nachsinnenden Beobachtung spielender Kinder ergibt, wenn der Erwachsene ein echtes menschenkundliches Interesse aufbringt. Beim spielenden Kind tut sich eine Welt auf, die in ihrer Einfachheit und Tiefe zugleich differenziert.
... Eines Morgens fragte mich die Mutter eines dieser Jungen: Was haben denn die Kinder mit diesem Stein, mein Junge spricht zu Hause nur noch von einem großen Stein ! Ich wollte es nun auch gerne wissen und befragte die um den Stein versammelten Kinder. Ja, ja, antworteten sie mit großem Eifer, der Stein müsse an das andere Ende des Gartens, dort ganz hinten ins Gebüsch! Aber wir wissen nicht, wie! Ich holte aus dem Keller einen niedrigen, sehr stabilen Wagen und schlug vor, den Stein mit dem Wagen zu fahren. Die Buben waren begeistert. Aber, wie ihn auf den Wagen bringen? Wir holten ein starkes Brett und ein sehr dickes Seil, das um den Stein geschlungen wurde, natürlich mit sehr viel Mühe. Das Brett lieferte die nötige schiefe Ebene, über die der Stein unter Aufbietung aller Kräfte auf den Wagen gezogen wurde. Als es soweit war, schrieen die Buben vor Begeisterung. Aber wie groß war erst die Freude, als nun der schwere Stein durch den ganzen Garten gefahren wurde, vorne gezogen und hinten geschoben. Als wir in der hintersten Gartenecke angekommen waren, musste der Stein wieder mit Seil und Brett heruntergezogen werden. Nach getaner Arbeit standen die Buben zuerst andächtig um den Stein -und liefen dann fröhlich davon.
Vom nächsten Tag an schaute niemand mehr nach dem Stein, niemand sprach von ihm, das Interesse an dem Stein war erloschen. Die Auseinandersetzung mit der Schwere kräftigt die Glieder, der Fuß schreitet fester über den Boden- und die Bewältigung solch selbst gestellter Aufgaben stärkt das Vertrauen in die eigenen Kräfte. Zu Beginn unserer Beschäftigung mit dem Schwellenstein war wichtig gewesen, dass ich die Kinder nicht gefragt habe, warum sie den Stein transportieren wollten. Die Frage nach dem Warum hätten die Kinder gar nicht beantworten können, sie wären nur von ihr abgelenkt worden. Es ging vielmehr um das ungefragte Auslebenwollen eines Bedürfnisses; und gerade das Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit natürlichen Gegenständen steckt tief im Lebensgefühl der Kinder, das noch nicht mit dem Bewusstsein erfasst und darum nicht besprochen werden kann.
(03.06.2010)
Produktinformation
Inhaltsverzeichnis
Noch kein Inhaltsverzeichnis vorhanden.

